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Abaji

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23.11.03 - Abaji

Michael Müller / Offenburger Tageblatt (27.11.03)
Wir bedanken uns bei Michael Müller fürText und Fotos, die er kostenlos zur Verfügung gestellt hat

Alle Instrumente wollen zu ihm
Der libanesische Saitenvirtuose Abaji entlockte im Spitalkeller 1001 Instrumenten wundersame Töne

Alles, was er anfasst, funktioniert: Der junge libanesische Saitenvirtuose Abaji erwies sich am Sonntag im Spitalkeller als ein echter kleiner Zauberer. »Ich sitz' auf einem fliegenden Teppich«, meint Abaji, als er auf den Teppich auf dem Bühnenboden des Spitalkellers schaut, und lächelt dabei verschmitzt unter seinemLockenkopf hervor. So ein Teppich verleiht magische Kräfte -das weiß man nicht erst seit »1001 Nacht«. Vielleicht hat er auch nur zu viel von dem libanesischen Poeten Khalil Gibran gelesen, dem er ein Lied gewidmet hat, das beinahe einer religiösen Anbetung gleichkommt. Und auch Geschichten können ja verzaubern. Sei's drum: Je länger man dem jungen libanesischen Gitarristen zuhört, wie er seine Lieder spielt und dazu seine Geschichten erzählt, desto mehr kommt er einem vor wie eine jener Märchenfiguren, die Staub zu Gold verwandeln können. Da erzählt er etwa, wie er zu seiner fünfsaitigen Sitar-Gitarre gekommen ist. Ein Konzertbesucher habe sie speziell für ihn angefertigt -und ihm geschenkt mit den Worten: »Damit kannst du alles spielen -es wird immer deine Musik sein.« Schaut man sich das Ding mal aus der Nähe an, muss man sich wundern, dass da überhaupt gescheite Töne rauskommen. Und doch erzeugt Abaji damit wie selbstverständlich Sounds, die tatsächlich wie eine Mischung aus Gitarre und Sitar klingen,und macht daraus wundervolle Soundscapes wie »Tariq« (»Der Weg«), eine Art akustisches Road Movie, das ungemein viel Weite atmet, oder »Valse Arabe«, das rund um ein betörend schönes Walzer-Motiv kreist. Seine Harfengitarre, ein Ungetüm mit zwei Hälsen und insgesamt 17 Saiten, hat er dem Besitzer eines Clubs aus der Pfalz, wo er mal aufgetreten ist, abgeluchst. Es war kaputt und total verstaubt -doch auch dieses Instrument hat er wie durch ein Wunder wieder spielbar machen können, ebenso das Bambussaxophon, das ihm sein Produzent mal in ziemlich ramponiertem Zustand aus Südamerika mitbrachte. Dieser habe es ihm überlassen und gesagt: »Das ist ab jetzt deins. Denn alle Instrumente wollen zu dir.« Drück ihm ein Instrument in die Hand, und er wird schon was Gescheites damit anfangen können -wer ist da nicht versucht, an Zauberei zu glauben? Und so schließt man die Augen und lässt sich von Abaji mitnehmen auf die Reise durch dessen ureigenen Musik-Kosmos. Und -oh Wunder: Auch die Grenzen zwischen den Genres verschwinden. Viel Orientalisches hört man raus, aber auch Klezmer-Harmonien und Jazz-Elemente, oder man fühlt sich an Ry Cooders »Paris, Texas«-Soundtrack erinnert. Eine fast kindliche Lust am Ausprobieren hat Abaji sich bewahrt. Und es ist Balsam für die Seele, ihm zuzuhören, wie punktgenau und gefühlvoll er seine überragende Technik einsetzt. »Viele sagen, ich spinne ein bisschen«, flüstert er später und setzt dabei wieder dieses verschmitzte Lächeln auf. »Und wisst ihr was? Sie haben recht.

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