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Andy Irvine

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08.04.01 – Andy Irvine

Michael Müller / Offenburger Tageblatt (10.04.01)
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Packender Interpret vom alten Schlag
Eine Institution des Irish Folk. Anfy Irvine spielte die „echte“ Musik im Spitalkeller

Sein Ruf ist geradezu legendär -und auch nach über 30 Jahren haben seine Auftritte nichts von ihrem Zauber eingebüßt: Andy Irvine gab am Sonntag ein teilweise tief bewegendes Konzert im Spitalkeller. Ohne ihn hätte es die Irish Folk Music, wie wir sie heute kennen, wohl nie gegeben: Spätestens seit der Gründung von Planxty Ende der 60er Jahre zählt Irvine zu den Galionsfiguren dieser Musik -vom Status vielleicht nur noch zu vergleichen mit seinem früheren Planxty-Kompagnon Christy Moore. Ein Musiker, der die Tradition am Leben erhält, die den Irish Folk einst groß gemacht hat.Irische Musikverrät viel über den Charakter und die Mentalität der Menschen, die dort leben. Und nicht zuletzt ist es die Musik, die Irland auch für die Menschen hierzulande so faszinierend macht. Doch inzwischen wird man das Gefühl nicht los, dass auch Irish Folk immer mehr zum Markenartikel, zum Souvenir für Rucksack-Touristen verkommen ist. Der Zauber von einst ist weg, geglättet, in Klischees erstarrt.Andy Irvine dagegen ist noch einer vom »alten Schlag«. Einer, dem es auch nach über 30 Jahren noch Spaß macht, Irish Folk-Musik da zu spielen, wo sie am besten hinpasst: auf kleine intime Kellerbühnen wie den Spitalkeller.Und vor allem: Hier gab's keine whiskey-seligen Mitgröhl-Nummern, kein »Seven Drunken Nights«, kein »Irish Rover«. Dabei erzählt auch Irvine eigentlich »typisch irische« Geschichten. Etwa die von der Mutter, die von ihrem in die USA ausgewanderten Sohn schon jahrelang nichts mehr gehört hat und ihm schließlich einen Brief schreibt, der ihn auch nach Jahren tatsächlich erreicht, obwohl die Mutter nicht mal die Adresse ihres Sohnes kannte -einer jener Songs, deren Mischung aus Bitternis, Melancholie und Rührseligkeit auch heute noch die Herzen wärmt.Doch Andy Irvine ist eben einer, der auf die leisen Töne setzt, der nie zu dick aufträgt und sich stets traumhaft sicher auf dem schmalen Grat zwischen Distanz und ehrlicher Anteilnahme bewegt. Und plötzlich bekommen die Charaktere seiner Lieder Leben -da lenken keine süßlichen Arrangements von den Inhalten ab: Nur von Mandola oder Bouzouki begleitet, zwingt er die Leute zum Zuhören -und das packt einen einfach. Und wie kaum ein anderes Volk haben die Iren die Kunst perfektioniert, allgemein-gesellschaftliche Zustände zu personalisieren und abstrakte Konflikte anhand konkreter Figuren begreifbar zu machen. Es gibt nur wenige Sänger, denen man Protestsongs wie »Gladiators« wirklich abnimmt, ohne dass man den moralinsauer erhobenen Zeigefinger spürt. Woody Guthrie vielleicht -aber der ist bekanntlich schon längst tot.Mit einem melancholischen Liebesliedverabschiedete sich Andy Irvine von den rund 70 Besuchern im Spitalkeller: »The West Coast of Claire« -unglaublich empfindsam und zart gesungen und von einer ganz sachte gezupften Mandola begleitet. Und plötzlich wurd's ganz still im Saal.
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Rob Ullmann / Badische Zeitung (10.04.01)
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Konzert voller zurückhaltender Melancholie
Andy Irvine im Offenburger Spitalkeller

Er sei ziemlich erschöpft, sagte Andy Irvine seinem Publikum gleich zu Beginn, und in der Tat, er sah sehr müde aus. Dennoch hatte niemand, der am Sonntagabend in den Offenburger Spitalkeller gekommen war, auch nur den leisesten Grund, sich zu beklagen. Irvine spielte ein dichtes, von zurückhaltender Melancholie durchzogenes Solo-Konzert.Wie so oft bei den Konzerten von "361 Grad", lebte auch dieses ganz von der Persönlichkeit des Künstlers. Irvine auf der Bühne: ruhig, ausgeglichen, aber keineswegs spannungslos. Persönlich, ohne sich anzubiedern, professionell, aber nicht routiniert, gänzlich unspektakulär Andy Irvine, das muss man so sagen, ist derjenige Musiker, der die keltische Ballade erneuert hat -auch wenn dies nicht allein sein Verdienst ist.Mit der Gruppe "Planxty" und dem Sänger/Liedschreiber-Kollegen Paul Brady war er richtungsweisend für die irische Musik: Weg von der Vordergründigkeit. Kein Guiness-seliges Tränengetriefe, kein irischer Gute-Laune-Patriotismus, keine beifallheischenden Hochgeschwindigkeitsübungen auf dem Instrument. Statt dessen den Song die Balance geben zwischen persönlicher Anteilnahme und Allgemeingültigkeit des erzählten Schicksals, etwa so, wie ein guter Erzähler ein Märchen behandelt sollte.Irvine, mittlerweile 40 Jahre auf der Bühne, ist mehr denn je ein wunderbaren Balladeninterpret, ob er Traditionelles vorträgt oder eigene neue Songs. Er macht sie sich so sehr zu eigen, dass beim Vortrag etwas nahezu Intimesentsteht. Er gibt die Bilder nicht vor, sondern er weckt sie in seinen Zuhörern. Alte Themen füllt er neu, wie in dem Lied "I'd love to meet a fairy queen". Hier findet der Liedschreiber auf der Suche nach einem Lied eines Morgens eine Nachricht auf seinem Kopfkissen, die ihm eine Begegnung mit einer Feenkönigin und ein Zaubermittel verspricht.Prompt erlebt der Musiker eine -im Song ironisch nacherzählte -chaotische Liebesgeschichte, an deren Ende ihm eine grünes Plektrum (ein Plastikblättchen, mit demman die Saiten der Gitarre anzupft) verbleibt plus jeder Menge Stoff für traurige Lovesongs. Die Ballade über den sächsischen Edlen John Marlowe, der die Tochter von König Richard, einem Normannen, schwängert (sie ist am bekanntesten unter dem Titel "Willo'the Winsbury"), gibt es in unzähligen Variationen. Irvine setzt für den üblichen schrammelnden Zwei-Vierteltakt einen aufregenden, irritierenden 7/16tel-Rhythmus, der dem Lied eine zerrende Spannung gibt: Die körperliche Liebe zwischen einem sächsischenLandadligen und einer Normannenfürstin war ein Tabubruch -den Richard Löwenherz mit einem zweiten Tabubruch sanktioniert.Der Liebhaber seiner Tochter sei so schön, dass er ihn selbst zum "Bedfellow" erwählt hätte, wäre er ihm begegnet. Irvine verbringtimmer wieder Zeit in Bulgarien und Rumänien, bringt von dort Anregungen mit. In Offenburg benutzte er häufig ein achtsaitiges Instrument, das er durch die Begegnung mit der Balkanmusik entwickelte, eine Mischung aus Bouzouki, Mandoline und Gitarre, das beim Spielen Obertöne produziert. Gebaut wurde dieses multinationale Gerät genau in der Mitte zwischen den irischen Kerry Mountains und dem Balkan: In Isny im Allgäu.

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