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Greyhound Soul

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18.05.01 – Greyhound Soul

Michael Müller / Offenburger Tageblatt (20.05.01)
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Das war atmosphärisch einfach dicht
Greyhound Soul betörten die Gäste im Spitalkeller / Rockmusik, wie man sie sich wünscht

Um die Tradition wissen und gleichzeitig zeitgemäß klingen: Greyhound Soul machten im Spitalkeller wieder einmal mustergültig vor, wie das geht -und legten die wohl beste Rock-Show hin, die die intimeKellerbühne bis dato gesehen hat.Rockbands von heute sind im Grunde genommen Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen. Die Zeiten, wo Musiker wirklich noch stilistisch Neuland betreten konnten, sind vorbei -wenn es sie denn je gegeben hat.AuchGreyhound Soul haben das Rad nicht neu erfunden. Doch wie der Zwerg auf den Schultern des Riesen eben weiter blicken kann als der Riese selbst, nutzen auch sie ihre Chance: In ihrer Musik steckt nicht nur viel Repertoire-Wissen, sondern auch ein instinktives Gefühl für das, was gute Rockmusik ausmacht. Greyhound Soul setzen das Alte neu zusammen -ohne dass sich je das Gefühl purer Retro-Nostalgie einstellt. 50 Jahre Rockgeschichte wurden auf einmal quicklebendig: Da gab's Songs, die man Chris Rea mal als Anschauungsunterricht verordnen sollte; mal erinnerten sie an die Stones in ihre Country-Phase, mal an die Grandezza eines Bruce Springsteen; da servierten sie Tex-Mexiges (»Too Hot, Fast Car«), schleifende, sämige Zeitlupen-Rocker -und immer wieder unendlich ausgeschlafene, herrlich träge Country-Songs.Gerade dort bewies Jason DeCorse seine Klasse. Wie er etwa in »Nothing« dieses betörend coole Lick aus seiner E-Gitarre tropfen ließ und die Saiten beinahe bis zur Unendlichkeit zog und den Ton im Raum stehen ließ -zum Zungeschnalzen. Seine Art, atmosphärische Fills einzustreuen, gehört in jedes Lehrbuch. Doch wenn nötig, konnte er seine Axt auch böse sägen lassen.Dahinter saß mit Winston Watson ein Rhythmiker par excellence am Schlagzeug -ein Mann mitungemein viel Feingefühl, der nicht mehr tut als er muss, aber gerade dadurch für einen luftigen, federnden Groove sorgte, der aber auch die nötige Power besitzt, um den Rock-Nummern den nötigen Schub nach vorn mitzugeben. Das wusste schon Bob Dylan für sein »Unplugged«-Album zu schätzen.Und über allem thront Joe Penas Raspel-Stimme, die mehr als einmal an Tom Waits erinnerte und den Songs die nötige Bodenhaftung gibt. Vor allem jedoch war es das Zusammenspiel aller vier Akteure, das begeisterte. Wie siemit der Dynamik spielten und dadurch Spannung erzeugten, wie sie den Tönen Raum zur Entfaltung ließen -nirgends kam das besser zum Tragen als im atmosphärisch dichten »I'll Never Know«, das sie bruchlos in eine bleierne Zeitlupen-Version des Allman-Brothers-Klassikers »Midnight Rider« übergehen ließen.Nach fünf Zugaben war Schluss. Aber eigentlich hätte man sich an diesem Rock-Fest gar nicht satthören wollen.
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Rob Ullmann / Badische Zeitung (20.05.01)
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Wie die Wüste Arizonas.
Greyhound Soul im Offenburger Spitalkeller

Wüste, die Luft so staubig, dass man den Horizont nicht sieht. Ein Pick-up zieht einen kleinen Sandsturm hinter sich her. Ein Städtchen liegt träg wie ein Hund in der Abendsonne. Dort auf einer Veranda sitzen vier junge Burschen und machen Musik: "I was waitin' in a bar for next Big Bang to come ... (bin inner Kneipe gehangen, hab auf die nächste Bombe gewartet)" Dass er kommt, der nächste "big bang", ist so sicher wie das Amen in der Kirche, also trinkt man Tequila und Bier und wartet. Und spielt. Mittelschnelle Nummern, nicht gerade gemütlich, aber auch nur so schnell, dass man's im Sitzen gut aushalten kann. Die Songs sind eigentlich keine Songs.Es sind Gemälde. Landschaften mit flirrender Sonne und allen Schattierungen von Gelb und Braun, es wirkt schon fast bunt. Oder Stilleben: Nichts bewegt sich in diesen Liedern, alles ist zueinander geordnet, Hintergrund und Vordergrund. Statisch, fast streng, und doch anrührend und bewegend. Der Sänger, er heißt Joe Pena, hat eine Stimme, die so rau ist, dass sie die Ohren wundreibt. Eine wunderbare Stimme, immer ein wenig launisch, nie resigniert, mit sparsamer Leidenschaft: "Bleib ein kleines bisschen, Kleine, bewahre mich vor'm Absturz ...". So klingt zum Beispiel ein Liebeslied. Manchmal, in den größten Momenten, wird diese schwelgerische Kargheit so intensiv, dass sie ein Ziehen in der Herzgegend verursacht, dann, wenn es von einem Akkord zum nächsten zwanzig Sekunden dauert, man beim Warten darauf den Atem anhält. Und wenn er dann kommt, ist es wie ein Aufseufzen. Es ist eine einfache Musik, man braucht nichts weiter als den richtigen Akkord zum richtigen Zeitpunkt und das Gefühl dafür, wann welcher Akkord richtig ist. Manchmal entfachen die vier auch ein Wüstengewitter.Dann donnert und kracht es schon beinahe wild, bis es plötzlich abbricht, oder bis es verebbt (man ist variabel). Übrigens: So ein Gewitter mag zwar die Zuhörer von den Stühlen reißen, die Band aber bleibt sitzen. Der Drummer, Winston Walker, hat fünf Jahre für Bob Dylan gespielt, ehe er sich wieder seinen Schulkameraden von "Greyhound Soul" (so heißt die Band) anschloss. Er entfacht einige Luftwirbel, und der junge Mann an der Fender Stratocaster schüttelt gelegentlich sein Instrument. Er spielt mit wunderbarem Gefühl, mal so weich und (sentimental) schwingend wie B. B. King, mal so scharfkantig wie es eigentlich nur schwarze Großstadt-Bluesgitarristen könnenUnglaublich das Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug, einerseits sparsam, Unnötiges wird vermieden, andererseits mit der stetigen Schubkraft eines Allrad-Traktors. Der Sound: So trocken wie ein Dachstuhl nach einem Brand. Bei allem Understatement fehlt nicht die große (großspurige?) Geste: ein Meisterwerfer sein Hufeisen wirft, mit nachsichtig-gelassener Eleganz.Leidenschaft, Glück, Schmerz, Sehnsucht, gewinnen, verlieren: Man weiß, das gibt es alles, manchmal ist das Leben wundervoll, manchmal tut es ziemlich weh, aber bleib ruhig sitzen, Junge, es wird nicht besser oder schlechter, wenn du aufstehst. Und dann trinken sie noch einen Tequila und ein kühles Bier, und das alles ist wahr und so geschehen und es war großartig, obwohl es im Offenburger Spitalkeller geschah, am Freitagabend. Aber es hätte auch in Tucson, Arizona, in der Wüste gewesen sein können.
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31.05.+01.06.02 – Greyhound Soul

Michael Müller / Offenburger Tageblatt (05.06.02)
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Genug Luft für die lange Strecke
Einzigartige Songs im Doppel: Greyhound Soul

Auch wenn sie gleich im Doppelpack im Spitalkeller spielten -Greyhound-Soul-Konzerte sind einzigartig. Dies bewies die Band aus Tucson, Arizona, eindrucksvoll.Eine relativ unbekannte Band gleich zweimal hintereinander zu buchen -es war sicher ein kleines Wagnis, das die Offenburger Konzertagentur »361°« einging. Doch dieRechnung ging auf: Beide Male war der Spitalkeller richtig voll -und man sah am zweiten Tag längst nicht nur die selben Gesichter wie am Abend zuvor.Und Greyhound Soul sind für die intime Kellerbühne wie geschaffen. Was nicht zuletzt auch am Publikum liegt. Denn das will gar nicht unbedingt immer »abrocken«, sondern zuhören. Und das wird bei Greyhound Soul zum Erlebnis. Statt donnerndem Riffing ein traumhaft schönes Mundharmonika-Intro über einem relaxten Beat, dazu ganz sachte Gitarren-Fills und Joe Penas Raspel-Organ, das klingt, als sei er gerade von den Toten auferstanden, subtile Dynamik statt brachialer Tempobolzerei -der Einstieg in den Song »Turn Around«, mit dem sie ihr erstes Konzert eröffneten, war bezeichnend für ihr Selbstverständnis.Greyhound Soul bürsten konventionelle Hörgewohnheiten gegen den Strich, obwohl ihre Musik tief verwurzelt ist in ur-amerikanischen Traditionen des Country und des Blues, und sie wissen um die Suggestivkraft ihrer Songs. Und wie sie die herausarbeiten, ist einfach klasse. Da sitzt jedes einzelne Lick oder Riff da, wo es hingehört. Gitarrist Jason deCorse spielt mit sagenhaftem Understatement, aber auch mit ebenso viel Feeling und wenn nötig auch mit viel Biss und Prägnanz.Doch vor allem funktionieren GreyhoundSoul als Kollektiv: Ganz sachte bauen sie Druck auf, sie lassen sich Zeit zur Entfaltung, entwickeln die Songs aus ein paar wie zufällig hingetupften Gitarren-Läufen -und ehe man sich's versieht, hauen sie einem eine mächtige Wall of Sound um die Ohren. Paradebeispiele: das gravitätische »You Could Be the One«, »Whole« oder das gespenstische »I'll Never Know«. Und dazwischen diese hingeschlurften Country-Nummern wie »Coming Home«, wie sie wohl nur in der heißen Wüsten-Sonne Arizonas entstehen können.Welcher Auftritt besser war? Müßig, darüber zu streiten. Der Freitag war etwas Country-lastiger, der Samstag vielleicht noch eine Spur druckvoller und mehr auf den Punkt. Auf jeden Fall begnügten sie sich nicht damit, am Samstag eine bloße Kopie des Vorabend-Auftritts abzuliefern. Diese Band hat genug Luft für die lange Strecke -und vielleicht führt die ja irgendwann zu den ganz großen Fleischtöpfen. Schließlich hat ihr früherer Drummer Winston Watson schon bei Bob Dylan gespielt. Doch bis dahin dürfen sie ruhig noch mal auf der kleinen Offenburger Kellerbühne vorbeischauen.